Monika Pfau, MA: Einführung in die Ausstellung Herma Walter
„Mein Weg zur Kunst – Innen wird Außen“ am 6. April 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute Abend eine Einführung zu den hier bei der
Firma miku Natursteine präsentierten Werken der Künstlerin Herma Walter
halten zu dürfen. Vielen Dank liebe Herma für die Einladung.
Anlässlich des anstehenden 75. Geburtstages von Herma Walter und der Einweihung des
neuen Werk- und Bürogebäude der Firma miku, sehen Sie hier als Retrospektive
angelegt eine Auswahl aus dem umfangreichen Oevre der Künstlerin der letzten 30 Jahre.
Die vierte Einzelausstellung der Künstlerin trägt den Titel:
„Mein Weg zur Kunst – Innen wird Außen“.

Den Rahmen der Ausstellung bildet das soeben fertig gestellte Gebäude von miku mit
einem großzügig, hochwertig und ästhetisch ansprechenden Architekturkonzept. Man
spürt, dass hier Menschen am Werk sind, denen in der täglichen Arbeit mit Fliesen und
Natursteinen Haptik, Qualität, Stil und Haltung wichtig ist. Diese Feinheiten und
Achtsamkeit im Umgang mit Gegenständen und der Umgebung verdienen besonderer
Beachtung: Es gibt hier viel Licht, liebevoll ausgewählte alte Holzmöbel im
Empfangsbereich, die einen warmen Kontrast zum Sichtbeton der Wände bieten, dazu
eine Tischtennisplatte wie bei einem Berliner StartUp, die zu Bewegung und einem freien
Kopf einlädt. Alles Hinweise auf lndividualität und eine eigene Handschrift des
Eigentümers und Teams.

ln diesem Bau findet Herma Walters Kunst eine willkommene Umgebung. Als
Kunsthistorikerin finde ich es wundervoll, dass an diesem Ort Arbeit mit Kunst verbunden
wird. lch empfinde es als großes Geschenk und Bereicherung für die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter. Nimmt man die Bilder wahr, können sie Raum für Ruhe, lnspiration und
Erdung schaffen. Kunst kann zum Zufluchtsort der Reflexion und des Findens werden.
Ich habe die Künstlerin Herma Walter im Kunstverein Schwäbisch Hall kennengelernt, wo
sie seit 1997 als Künstlerin im Vorstand, Beirat und als Kuratorin mit ihrem bereichernden
Wissen und ihrer wohlüberlegten Art tätig ist. Ich erlebe Herma Walter als eine in sich
ruhende, bewusste und durchdachte Frau, zurückhaltend, aber mit Mut, und einem wachen,
lebendigen Auge. Sensibel, feinfühlig, zärtlich im Umgang mit ihrer Umwelt.

Wie begann Herma Walters Weg zur Kunst? Früh kam sie durch die Frauen in ihrer Familie
in Berührung mit Kunst. Es waren ihre Mutter und Tante, die in Norddeutschland neben
ihren Rollen als Mütter, Berufstätige, Ehefrauen, Hausfrauen, sich die Zeit und die Freiheit
nahmen, Kunst zu schaffen. Etwas zu tun, das sie allein betraf und ihnen Kraft gab. Alleine
im zehrenden Alltag Raum für Kunst zu finden ist bereits an sich eine große Kunst.
Dafür bewundere ich Herma Walter.

Sie nahm sich den kreativen Raum, produzierte, kreierte, malte, verwarf, zerstörte, belebte,
erschaffte - immer wieder, auch mit schweren persönlichen Lebens-, Krankheits- und
Sinnkrisen, seit 30 Jahren. Dabei begleitete sie das Motto: „fabricando fabricamur: etwas
gestaltend, werden wir gestaltet.“ Für Herma Walter ist die Suche essenziell, um das sonst
unzugängliche Innere durch die Kunst sichtbar werden zu lassen. Durch Konzentration auf
das Gestalterische, auf die schaffende Hand, und die Freiheit von jedem Darstellungsdrang,
möchte sie ein Tor zur Innenwahrnehmung öffnen. Denn Kunst spiegelt für Herma Walter
das Innere wieder.

Mitte der 70er Jahre begann Herma Walter als Autodidaktin an ihrer freien Kunst zu
arbeiten. Anfang der 90er Jahre besuchte sie die Haller Akademie der Künste. Das Studium
an der Akademie teilt meiner Meinung nach das Werk in drei Phasen: eine Zeit vor,
während, und nach der Akademie.
Die erste Schaffensphase dominiert die Linie. Im Flur zwischen Bürotrakt und Werkhalle
sehen wir schwarz weiße Kohlezeichnungen, mit gebogenen, fließenden, von einander
scharf abgegrenzten Flächen, ähnlich wie bei dem Vertreter des lnformel Karl Otto Götz.
Herma Walter sagt dazu: „In den Bildern zeigte sich meine (von meinem Vater geerbte)
Liebe zur Schönheit von mathematischen Kurven, die ich auch in der Natur wiederfand.
Ich versuchte, in den Bildern sowohl Spannung als auch Harmonie zu realisieren, (ein
Bemühen, das sich sicher auch in der Gestaltung meiner Lebenswelt ausdrückte).“ Ihre
Zeichnungen zeigen eine Vitalität und Kraft des Ausdrucks, die im dynamischen Schwung,
einem Kreisen, einer gestischen Malerei spürbar ist, aber von der Linie als Begrenzung
noch zusammengehalten wird.

lm gleichen Flur sehen wir eine Serie von Kopffüßler Zeichnungen, die 1981-1985
entstanden sind und die aus exakt gezogenen Linien bestehen. lch möchte diesem in sich
schlüssigen Werkkomplex kurz besondere Aufmerksamkeit widmen, denn aufgrund des
sehr persönlichen Bezuges – eines Tagebuchs gleich -, war es nie beabsichtigt sie der
Öffentlichkeit zu präsentieren.

Kopffüßler sind Figuren, die man sie aus Kinderzeichnungen kennt. Sie bestehen nur aus
Kopf und Füßen. Herma Walter macht aus diesen Kreaturen eher Augenfüßler, mit einem,
drei oder auch vier Augen. Sie zeigt sie in Frontalansicht, der ganze Körper füllt das Blatt
von oben bis unten aus. Das Auge als Motiv ist dabei zentral, es schaut zurück, es fragt,
vielleicht klagt es auch an. Diese hochkonzentrierten Figuren bilden für mich eine
rätselhafte Werkgruppe. Es bilden sich wiederkehrende Motive heraus, die für Themen
stehen, die Herma Walter beschäftigten: das Auge, das für Erkennen steht, die Hand für
das Tätigsein, der Busen für die Liebe, die Verbindung nach oben im Sinne von Religion,
der Versuch, das verbindende Band zu greifen, für die Auseinandersetzung mit
Gesellschaft. Herma Walter stellte fest, dass die Themen die sie beschäftigten auch andere
Menschen betrafen und dass „geistige Offenbarungen“ nicht ihr Eigentum bleiben sollten.
Kunst sollte allen zugänglich sein, um Gemeinschaft, Erkenntnisgewinn und das
vereinigende Gefühl zu schaffen, nicht alleine zu sein.

Technisch sind die Zeichnungen aber auch eine Zeichen-Übung. Einer musikalischen
Etüde gleich, werden wiederkehrende Motive in verschiedenen Sequenzen seriell
wiederholt. Das Ziel ist dabei größere Kunstfertigkeit zu erlangen, die Qualität der
Linie zu steigern. Denn: Eine Zeichnung mit nur einer Linie zu machen ist unglaublich
schwer. Es erfordert höchste Konzentration und auch Können. Ein Vermalen wird nicht
verziehen. Herma Walter ist hier streng mit sich. Sie übt den Strich und zugleich übt sie
auch die Fähigkeit eine Figur zu abstrahieren. Für mich, sucht Herma Walter in den
Augenfüßlern einen Ausweg aus der Begrenzung der Linie. ,,Um zu wissen was man will,
muss man zu Zeichnen anfangen", sagte schon Picasso. Und am besten wäre, man holt
sich dabei Unterstützung...

Nach vielen Begegnungen mit Kunstschaffenden hat Herma Walter 1992 ein Studium in der
neugegründeten Akademie der Künste in Schwäbisch Hall aufgenommen. Dort
experimentierte sie mit Farbe, Zeichnung, Druck und Plastiken.
Schaut man sich Arbeiten dieser zweiten Werkphase an fällt auf, dass sie sich nun von der
Linie hin zur Fläche öffnen. Herma Walter macht bei Werner Mönch eine technische
Schleife über die Farbe und Gegenstandslosigkeit, bei der die gesamte Leinwand von weich
ineinander verlaufenden Farbflächen gefüllt wird. Michael Klenk lenkt ihre Strichführung in
der Zeichenklasse von der strengen Linie hin zu einer suchenden, tastenden, forschenden.
Sie lernte selbstbewusst Bilder energisch und doch sensibel zu übermalen und freier,
lockerer, leichter mit Räumen auf der Leinwand umzugehen. Peter Guth, der ebenfalls wie
Michael Klenk Schüler des im Informel verankerten Rudolf Schoofs war, führt sie an die
Sensibilität und akkurate Arbeit mit Holzschnitten und -Drucken heran. Franz Raßl fördert
die Orientierung im Raum und körperliche Formsprache in seinen Anweisungen bei den
plastischen Arbeiten. Diese Zeit ist für Herma Walter künstlerisch sehr fruchtbar. Sie lässt
sich von Dritten inspirieren, hat Raum auszuprobieren, sich vom Denken zu befreien und
das unbewusste „Spielen“ zuzulassen – das Spielen, das ein wesentliches Merkmal ihrer
Arbeit wird: „Denn Kunst lässt sich nicht machen, sie wird geschenkt.“

Doch merkt sie im Austausch und im „System Kunst“, dass es als Frau schwer ist in der
männlich dominierten Szene zu bestehen, dass Sichtbarkeit und Anerkennung nicht immer
mit gutem Inhalt zusammenhängt, sondern mit Netzwerken, Kontakten, gekonnter
Selbstdarstellung. Herma Walter fokussiert sich auf sich und ihre Arbeiten. Sie findet eine
künstlerische Haltung, die das klassische Form- und Kompositionsprinzip ebenso ablehnt
wie die geometrische Abstraktion. Sie wendet sich von der streng geführten Linie ab, und
beginnt einen freien und spontanen Schaffensprozess. Sie verfolgt Formoffenheit - genauer
das Oszillieren zwischen Formverlust und Formerhalt -, und wendet sich dem Gestischen,
der Farbe und bildimmanenten Texturen zu. Alles Qualitäten, die sich im auch lnformel und
dem abstrakten Expressionismus wiederfinden.

Nach dem Studium und durch die Begenung mit Arbeiten von Joseph Beuys 1998 beginnt
Herma Walters dritte und aktuelle Werkphase: Die Arbeiten werden größer. Sie
verabschiedet sich von der Farbigkeit und erweitert die neu entwickelte Virtuosität auf der
Fläche durch den Mut zum Experiment. Sie beginnt Papier und vorgefundene Objekte wie
Pappen, Seidenpapier, Japanlampen oder Korbgeflechte als Collage auf Sperrholzplatten
zu kleben. Schon die Dadaisten schätzten die Collage aufgrund der
Kombinationsmöglichkeiten, Überraschungseffekte und der Möglichkeit des freien Spiels.
Durch Kleben, Übermalen, Überdecken und Schichten bildet Herma Walter sensible
Oberflächenstrukturen, mit Tiefe und Harmonie. Die Farbe Rot, die in den früheren Arbeiten
bereits eine wichtige Rolle gespielt hat, wird nun in einer weichen, grau-beige-weißen
Umgebung punktuell eingesetzt. Wie an den Werken hier im Raum zu sehen, ermöglicht
der nun offene, von absichtsfreiem Spiel getragene Schaffensprozess, ein perfekt
ausbalanciertes Zusammenspiel von gegenständlichen Elementen wie dem Kreis oder dem
Kreuz, sowie leichten, transparenten Flächen und Linien als organische Grenzen.
Inspiration findet sie nun vermehrt in der Natur: organische Formen in Blüten, Risse im
Asphalt, Verfallspuren in Wänden, Rosenstachel. Die unscheinbaren Dinge werden zu
denen, die Schönheit in ihrer reinsten Form bergen.
Eher als eine Stildefinition - die ich wie bereits erwähnt in Richtung lnformel und abstraktem
Expressionismus verorte - würde ich Herma Walter eher eine Haltung gegenüber dem
Schaffensprozess attestieren. ln ihren Bildern finden wir das Spiel, die Emotion, die
Spontanität, das Suchen und Finden. Der Prozess ist wichtiger als Perfektion, Vernunft und
Reglementierung. lhre abstrakte, teilweise auch abstrakt-figurative Darstellungsweise ist
eher intuitiv als intellektuell. Die Formen sind eher organisch als geometrisch, eher kurvig
als rechteckig, eher dekorativ als strukturell. Und die Begeisterung für das Spontane und
lrrationale, für das Mystische und Unbewusste, ist eher romantisch als klassisch.

lch selbst habe aus Hermas Bildern erfahren, dass Dinge Zeit brauchen, dass Dinge
prozesshaft sind, dass sie manchmal feststecken, Unterstützung benötigen, einen Rat,
um über Umwege zu ihrer Freiheit zu gelangen. Etwas zu können braucht Zeit und Geduld.
Etwas zu können braucht immer wieder einen offenen Blick nach Außen, Empathie,
Neugierde und Willenskraft, nicht aufzugeben und weiterzumachen. Geben wir uns also Zeit
beim Betrachten dieser schönen Werke. Ich wünsche lhnen dabei vielerlei neue Einsichten.